Die Parge Saga


   Mecklenburgs Herzog entdeckt einen Schulmeister in Grabow in Mecklenburg im Frühsommer 1793
   Johann Wilhelm Parge geb. 1770

 Zitat:

 Ein letzter Hauch von Frühling ist in der Luft. Das frische Grün hat noch keinen Schaden genommen durch
 Sommerhitze und Sommerstaub, so ist es eine Lust durch die Wälder und zwischen den Feldern zu fahren.
 Der Herzog Friedrich Franz von Mecklenburg liebt diese Jahreszeit und sein Land in dieser Stimmung von
 Werden und Wachsen, ganz besonders aber sein Schloß Ludwigslust, das wie ein schimmerndes Juwel vom
 Kranz des jungen Laubs eingerahmt wird. Wieder ist er heute den schönen Waldweg nach Grabow gefahren
 und geht durch die Straßen der kleinen Stadt, um seinen Landeskindern ein wenig auf die Finger zu schauen.

 Aus einem offenen Fenster ertönt ein fröhliches Lied, das den Herzog aufhorchend stehenbleiben läßt. Er hat
 lange keine so klare und ausdrucksvolle Stimme gehört, die sich in den Himmel zu schwingen scheint, und
 neugierig geht er den Tönen nach.
 Was er findet, ist ein außergewöhnlich ansehnlicher und kraftvoller junger Mann, der mit flinken Händen am
 Webstuhl arbeitet und erschrocken aufspringt, als der Landesfürst hereinkommt.
 "Soso," schmunzelt dieser, "wie die Stimme so die Gestalt. Wollen mal sehen, wie es hinter der Stirn
 aussieht und ob du die Worte auch setzen kannst. Wer bist du, wo kommst du her?"

 Es zeigt sich, daß der Leinewebergeselle Johann Parge, der Dragonersohn aus dem preußischen Pommern,
 die Worte sehr wohl zu setzen versteht. Er hat keine Scheu, von Ueckermünde, von seinem Vater und von
 der Schule, die er besucht hat, zu sprechen und als der Herzog nachfragt, auch von seinen Vorfahren und
 dem alten Besitz in Heinersdorf. Es wird eine lange Rede, der hohe Besuch wird nicht müde, zuzuhören und
 Fragen zu stellen. "So ist dein Stammbaum so alt wie der meine," sagt schließlich der Fürst nachdenklich,
 "und dein frischer Geist könnte mir wohl an meinem Hofe gefallen. Aber ich habe einen besseren Plan für
 dich. In Mecklenburg soll das Schulwesen ausgebaut werden . Ich brauche tüchtige Lehrer auf dem Land,
 wofür du mir wie geschaffen zu sein scheinst. Sobald ein Platz frei ist besuchst du das Seminar in
 Ludwigslust, und vorher wirst du Webermeister in Grabow, dafür sorge ich. Du brauchst nur noch eine Braut,
 damit du von dem Schwiegervater die nötige Fourrage während der Seminarzeit bekommst. Wie sieht es
 denn in dieser Hinsicht mit einem so handlichen Burschen wie dir aus?"
 Zum erstenmal kommt Johann Wilhelm ins Stottern und gibt nur unklare Andeutungen von sich. Aber
 Friedrich Franz läßt nicht locker und findet schnell heraus, daß der Geselle schon lange sein Herz an
 Caroline Danehl, die Tochter des verstorbenen Meisters, verloren hat und daß auch sie ihm gut ist.
 "Dann schaff mir mal die Meisterin her, ich werde den Freiwerber für dich spielen, und alles wird seine
 Ordnung haben," sagt lächelnd der Herzog.

 Und so geschieht es. Johann Wilhelm wird von der Beibringung des Geburts- und Lehrbriefes befreit und am
 11. September 1793 als Meister in die Leineweberinnung in Grabow aufgenommen. Am 3. September 1793
 heiratet er Caroline Danehl und übernimmt die Weberei ihres Vaters, die die Mutter seit dessen Tod
 weitergeführt hat. Er hofft, daß sein Bruder Daniel rechtzeitig aus Pommern nachkommen wird, um den
 Betrieb für ihn leiten zu können, wenn er das Seminar besucht und eine Schulstelle bekommt, und diese
 Hoffnung wird Wirklichkeit.

 Im Jahr 1795 ist Johann Wilhelm Seminarist in Ludwigslust, 1796 Schulmeister in Uelitz und ab 1797 in
 Woosten bei Goldberg.
 

   Friedrich Franz I.
   * 10. Dezember 1756; † 1. Februar 1837
   Regierungszeit 1785 - 1837,  ab 1815 Großherzog
  

 

 

 

 

  Das war eine Episode aus einer 1000-jährigen Familiegeschichte aufgeschrieben von Charlotte Parge-Zarm unter dem Titel "Die Parge Saga - Tausend Jahre auf
  der Strasse zur Freiheit 883 - 1883", erschienen im Stock und Stein Verlag Schwerin 1998.    

 
Das Ludwigsluster Lehrerseminar befand sich ab 1786 zunächst vor dem Schweriner Tor in einem strohgedeckten Katen. Das Seminar zog später in ein neues im klassizistischen Stil in der Kanalstraße von Hofbaumeister Friedrich Georg Groß errichtetes Gebäude, heute Fritz Reuter Schule.

Für die Aufnahme als Seminarist war anfangs eine abgeschlossene Lehre als Schneider oder Weber erforderlich. Die Ausbildung dauerte etwa 10 Monate. Die Seminaristen lernten, wie sie künftig den Unterricht beim Buchstabenlernen, Buchstabieren, Lesen, Katechismus, Auswendiglernen, Bibellesen, Schreiben, Rechnen, Beten usw. einzurichten haben.

   Rückblickend schreibt Johann Wilhelm Parge 1800:

   " Lehrer in dieser Zeit zu sein, ist für mich wie die Erfüllung eines mir unbewußt gewesenen Traumes. Was ich für mein Dorf leisten kann, ist mehr, als ich an
     jeder anderen Stelle für Menschen zu tun vermocht hätte. Die Kinder auf dem Lande das Lesen zu lehren und sie in die Welt des Geschriebenen einzuführen,
     das ist, als ob man selbst ein neues Zeitalter in die Welt gebracht hätte."
 
  Weitere interessante Einzelheiten aus der Familiengeschichte der Parge betreffen z.B. die Arbeit des Leinewebermeisters Christian Jakob Danehl, die Arbeit
  dreier Söhne von Johann Wilhelm Parge als Dorfschullehrer in Mecklenburg und die Auswanderung zweier seiner Enkel nach Amerika.

  Literatur:
  - Charlotte Parge-Zarm: Die Parge Saga, tausend Jahre auf der Straße zur Freiheit 883 - 1883, Schwerin 1998
  - Wege zur Stadt Teil II, Ludwigsluster Schulgeschichte(n), Ludwigslust 2003, darin: Hartmut Brun: Das Lehrerseminar, S. 47 - 59
  - Erich Danehl: Die Grabower Leineweber, Eine Plauderei über ein altes Grabower Handwerkergeschlecht,
    Norddeutscher Leuchtturm, Wochenendbeilage der Norddeutschen Zeitung, Nr. 202, 10.03.1957
 

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